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Eva Demmerle erklärt uns Mythos und Wirklichkeit des letzten Kaisers von Österreich

München – In diesem Jahr gedenkt man nicht nur in Österreich an den Tod von Kaiser Franz Joseph im November 1916. Doch seinen jungen Nachfolger, Kaiser Karl, der von 1916 bis 1918 regierte, nimmt man auch bei uns in Deutschland wenig zur Kenntnis. Diese Lücke wird nun durch die spannend geschriebene Biographie „Kaiser Karl. Mythos und Wirklichkeit“ der Münchner Autorin Eva Demmerle gefüllt. Versuchte doch Karl, gegen alle Umstände, das Ruder noch herumzureißen und den Untergang der altehrwürdigen, aber morschen Donau-Monarchie zu verhindern und dem Vielvölkerstaat eine moderne Perspektive zu geben. Die Geschichte wollte es anders. Die Monarchie wurde 1918 zerschlagen, mit den Pariser Vorortverträgen ein neues Ungleichgewicht geschaffen und der Keim für den Zweiten Weltkrieg gelegt. Karl starb indes, entrechtet, verleumdet und enteignet mit kaum 35 Jahren im Exil auf Madeira.

Seine Friedensversuche sind hier wenig bekannt. Als einziger Staatschef der kriegsführenden Mächte versuchte er, den ersten Weltkrieg zu beenden. Über seinen Schwager, Prinz Sixtus von Bourbon-Parma, unterbreitete er den Entente-Mächten England und Frankreich konkrete Angebote. Vor allem England reagierte positiv, allein Italien stellte sich quer. Doch nicht nur von außen wurde seine Initiative torpediert, auch die Deutsche Oberste Heeresleitung verweigerte, völlig realitätsblind und trunken von dem Glauben an einen Siegfrieden, jegliche Unterstützung und überzog den Kaiser mit vernichtender Propaganda.

Karls sehr modernes Konzept der Föderalisierung Mitteleuropas fand keinen Widerhall. Dabei aber hatte er eine sehr konkrete Vorstellung von dem, was passieren würde, wenn der Donauraum zersplittert blieb. Messerscharf analysierte er die drohende deutsche Hegemonie über Mitteleuropa, die 20 Jahre später den Kontinent in eine noch größere Katastrophe stürzte. Demmerle dokumentiert persönliche Aufzeichnungen des Kaisers, geschrieben wenige Monate vor seinem frühen Tod. Diesem Mann mit seinen klaren Vorstellungen hätte man durchaus eine längere Regierungszeit gewünscht.

„Mir ist wichtig, die Modernität dieses Mannes herauszustellen. Seine politische Vision wäre für das 20. Jahrhundert tragfähig gewesen, aber der nationalistische Zeitgeist war gegen ihn. Ihm war bewusst, dass er nur wenige Chancen hatte, aber er versuchte, sie zu nutzen. Allein das gereicht ihm zur Ehre“, so Demmerle über den Kaiser, der 2004 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurde

Abgerundet wird das Buch durch interessantes Bildmaterial und einen dichten Dokumentationsteil. Immerhin war Eva Demmerle über Jahrzehnte engste Mitarbeiterin von Otto von Habsburg, dem ältesten Sohn Kaiser Karls.

Bildquellen

  • eva_demmerle: eva demmerle

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