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Mein Selbstversuch: Im Nahkampf mit dem inneren Biest

Von BIRGIT KELLE

München – In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so oft und so laut „No!“ gerufen. Ach was gerufen. Ich habe geschrien, mir die Lunge aus dem Leib gebrüllt. Und ich fühle mich hammermäßig gut. Ja, das ist die richtige Beschreibung. Zwei Tage Selbstverteidigungskurs für Frauen in München und mein Körper tut weh. Im Zug nach Hause lecke ich meine Wunden: Die Muskeln schmerzen von der ungewohnten Anstrengung und ich habe mir einen Nagel abgebrochen. Nein, es sind insgesamt vier. Egal. Ich hab ihn getreten, ich habe gebrüllt. Ich fühle mich stark und lebendig, und sollte mir nachher auf dem Bahnhof einer blöd kommen, sag ich jetzt schon: Viel Spaß Junge, mein Adrenalin ist immer noch am Anschlag. Machen wir es also vorweg einmal kurz: Mädels, macht so einen Kurs! Tut euch selbst diesen Gefallen. Wenn ihr wissen wollt, wie stark ihr sein könnt, wie überwältigend es ist, seine Angst zu überwinden, dann macht so einen Kurs.

Die Silvesternacht in Köln hat bei mir den Ausschlag gegeben. Ich muss beruflich viel reisen, ich bin immer wieder nachts auf Bahnhöfen, ich habe keine Lust, ein Opfer zu werden, und ich fühle mich zunehmend unsicher. Wie so viele Frauen habe ich in meinem Leben schon einige unschöne Situationen hinter mich gebracht. Ich hatte immer Glück, und sie liegen teilweise schon sehr viele Jahre zurück, sie reichen aber bis heute, um mich vor allem im Dunkeln auf der Straße, auf dem Weg zum Auto oder im Parkhaus unsicher zu fühlen. Ich habe zudem keine Zeit, darauf zu warten, dass die Politik mir hilft. Nachts in einer Unterführung bin ich nämlich alleine. Meine älteste Tochter wäre es auch, deswegen habe ich sie mit angemeldet. Sie ist 17, sie will ausgehen, sie will in die Disco, auch abends noch den Nachtbus nehmen. Und wir wollen als Eltern zumindest das Gefühl haben, dass wir ihr Rüstzeug an die Hand gegeben haben. Möge es im Zweifel helfen.

Der Kurs, an dem wir teilnehmen, heißt „Model Mugging Self Defense“, stammt aus den USA und ist im Moment noch neu in Deutschland (Model Mugging Gewaltabwehr für Frauen und Mädchen). In Amerika ist er allerdings seit über 45 Jahren etabliert und wissenschaftlich begleitet. Eine Programm speziell für Frauen, das nicht nur Technik und Theorie vermitteln will, sondern vor allem eines versucht: zu durchbrechen, was wir Ladies leider fast immer zeigen: Die totale Schockstarre im Moment eines Angriffs. Wenn das Adrenalin in unserem Körper kocht, frieren wir ein. Model Mugging will uns beibringen, wie wir das überwinden und in Energie umsetzen. Ich werde also gegen mein inneres Biest kämpfen, das mich fesselt und einfrieren lässt.

Sicher, Selbstverteidigungskurse gibt es allerhand. Ich kenne mich nicht aus, ob ein Kurs etwas taugt oder nicht, es ist ja mein erster. In der Eingangsrunde erstmal sehen, wer die anderen Frauen sind. Das Alter reicht von 14 bis 50. Wir sind alle aus dem einen Grund hier, und dann auch wieder sehr verschieden. Da sind die jüngeren Schülerinnen, vermutlich von den Eltern angemeldet, so wie ich meine Tochter mitgeschleppt habe. Die Frau, die aus einer Beziehung mit Gewalterfahrung kommt und eine Kampfsportlerin, die sehen will, was sie hier noch zusätzlich lernen kann. Die Studentin, die auch schon einen Kurs bei der Polizei gemacht hat. Sie berichtet, dort habe man ihnen beigebracht, man sollte die Knie fest zusammendrücken, um eine Vergewaltigung zu verhindern. Später haben wir noch herzlich gelacht über diesen Vorschlag, er wurde innerhalb von Stunden zum Running-Gag in unserer Truppe. Nach zwei Tagen „Model Mugging“ erscheint der Tipp nämlich ähnlich sinnvoll wie die „Armlänge Abstand“, die man uns Frauen nach der Kölner Silvesternacht ans Herz legte.

Unsere Trainer sind tough, die Kurs-Sprache ist Englisch, denn unser Trainer Mark ist Amerikaner, spricht quasi kein Deutsch, bringt aber Jahrzehnte an Erfahrung in Gewaltabwehrtraining bei Polizei und Militär mit. Der zweite Trainer ist Mathias, er ist ein deutscher „Navy Seal“ und hat beeindruckende Oberarme, weil er im Echtleben Spezialeinheiten beim deutschen Militär trainiert. Gegen die Jungs, die er sonst vor sich hat, sind wir ein erbärmlicher Haufen potenzieller Opfer. Der Gedanke, dass er mich nachher in den Schwitzkasten nehmen wird, ist beunruhigend. Ich beginne zu ahnen, was Mark mit meinem „inner beast“ meint.

Das Training hat zwei Komponenten. Praxis und Theorie wechseln sich ständig ab, was gut ist, damit man zwischen dem körperlichen Training zum Durchatmen kommt. Die Theorie hat eine weite Range. Wie Frauen ticken wie Männer ticken. Es ist definitiv nicht gendersensibel, dafür aber extrem erhellend. Wir lernen über die Anatomie des Mannes. Wo können wir ihm als Frauen am meisten, schnellsten und effektivsten wehtun, obwohl wir in der Regel körperlich unterlegen sind? Die Herren wird die Antwort nicht überraschen, sie kennen ihr bestes Stück. Aber die Theorie deckt viel mehr ab: Was für Tätertypen gibt es, wie erkenne und unterscheide ich sie, um meine Gegenwehr darauf einzustellen. Wie erkenne ich brenzlige Situationen, worauf muss ich achten, wenn ich unterwegs bin? Immer wieder werden wir daran erinnert: „The best self defense is not to fight“. Was kann ich tun, um die Situation zu deeskalieren, der Gefahr zu entkommen, bevor es zu spät ist und ich tatsächlich kämpfen muss. Gerade für die jungen Mädchen finde ich diesen Teil wirklich gut. Sie haben noch viel vor sich in Bars, Discotheken, auf Bahnsteigen und mit neuen Bekanntschaften, die plötzlich gar nicht mehr so nett sind und dafür noch kaum Erfahrung. Wir lernen, Warnsignale in unguten Beziehungen zu erkennen. Wir lernen zu warten, uns dem Täter hinzugeben, bis der eine und höchst wahrscheinlich einzige Moment kommt, um loszuschlagen. Der Moment, wenn unser Biest ausbricht. Mark weiß offensichtlich alles über Angriffe auf Frauen und Täterprofile. Was er als Buch in 1000 Seiten niedergeschrieben hat über die 45 Jahre Forschung der Stanfort University und den Erfahrungen im Dienst und im Kampfsport, bekommen wir komprimiert in Kurzvideos.

Und dann lernen wir auch das, was man Männern vermutlich nicht erklären muss, Frauen schon: Wir dürfen uns wehren! Wir sollen uns wehren! Er oder ich – das ist die Frage. Und die Antwort ist klar: Ich. Ja, es ist ok, aus allen Lagen zu treten, wenn jemand uns auf der Straße angreift, in unser Haus einbricht, uns überwältigen und vergewaltigen will. „Warum bist du es wert, beschützt zu werden“, den Satz bekommen wir am Abend des ersten Tages als Hausaufgabe mit ins Bett. Ja, gute Frage, warum gerade ich? Was bin ich mir selbst wert, warum bin ich hier? Warum muss ich mich wehren, um mich zu schützen? Es ist gut, die Antwort für sich einmal zu formulieren. Die Gedanken dazu fielen übrigens sehr unterschiedlich und sehr ehrlich aus. Die Atmosphäre ist toll, wir sind schon nach kurzer Zeit ein gutes Team, wir leiden gemeinsam, wir feuern uns gegenseitig an. Ihr wart toll Mädels, danke!

Die zweite Komponente ist das körperliche Training, die Techniken, die Strategien. Welche Technik wende ich wann an und warum? Immer wieder die gleichen Übungen, verschiedenen Positionen. Übliche Angriffsszenarien. Heute erst einmal nur Angriff von Vorne, was ahnen lässt, dass sie uns am zweiten Tag von hinten angreifen werden. Wann kicke ich am besten wohin und auch warum? Wer soll sich das alles merken, ich werde nachher im Kampf alles vergessen haben. Mit der Befürchtung bin ich nicht alleine. Es wird sich später zeigen, dass wir alle falsch liegen. Wir machen nicht alles richtig, aber viel.

Aber zuerst sollen wir brüllen. Laut brüllen. No! Noch lauter. No! Unser Navy Seal ist nicht zufrieden, er hält uns noch alle für Pussys mit Kleinmädchenstimmen. Als er uns einmal anbrüllt, um zu zeigen, wie Männer brüllen würden, weiß ich, wie es im Bootcamp seiner Militäreinheit zugehen muss – oder wenn ich es selbst mit so einem Kerl zu tun bekomme. Aber es funktioniert, jetzt brüllen wir endlich auch. Was fällt dem Scheißkerl ein, so zu schreien?? Die Wut kommt aus dem Bauch, das Adrenalin kocht, die Aggressivität in der Halle ist förmlich zu greifen. Am ersten Abend, nach geschlagenen zehn Stunden abwechslungsreichem Training, das irgendwie wie im Flug verging, haben wir tatsächlich einen ernstzunehmenden Sound drauf.

Am Abend geht es zum zweiten Mal ans Eingemachte, das direkte Angriffstraining. Die Jungs streifen ihre Schutzanzüge mit Riesenhelm über, damit wir mit voller Kraft ohne Rücksicht auf Verluste treten können. Sie sehen darin aus wie schwarze Klonkrieger. Wir intonieren die Eingangsmelodie von Star Wars. Humor ist eine gute Methode, die Nervosität zu überspielen. Wir lachen viel an diesem Wochenende. Es tut gut, es entspannt, wenn der Kopf raucht und der Körper schmerzt. Wir sollen jetzt wirklich kämpfen, uns angreifen lassen, und die Jungs sehen echt übel aus.

Und dann bin ich dran. Heute ist nur Half-Power, wir sollen erstmal auf unsere Technik achten. Lieber langsam, aber dafür richtig. Das ist schon schwer genug, denn die meisten von uns gehen durch die Aufregung dennoch voll rein. Das Adrenalin kocht wie gesagt. Wir lernen ruhiger zu werden, zu überlegen. Neben Mark und Mathias sind auch zwei weibliche Coaches da, die uns ständig begleiten im Kampf. „Bleib ruhig“, „noch nicht, warte bis du in Position bis“. Sie führen uns durch die Angriffe, man ist nicht alleine. Ich muss lernen, die Augen geöffnet zu halten, hinzusehen. Mein Reflex ist, die Augen zu schließen. Wie bescheuert ist das eigentlich? Mein Unterbewusstsein will mich unsichtbar machen. Ich muss hinsehen, schauen, treten. Dabei brüllen wir jeden Tritt mit. No! No! Kick! Eyes! Die Mädels stehen in der Support-Line neben der Matte und feuern mit an. Ich bin völlig alle, als ich ihn endlich am Boden habe. Das soll Half-Power sein? Ich bin jetzt schon am Ende meiner Kräfte. Fertig. Tutti. Die meisten von uns sind körperlich nicht trainiert, wir haben alle unsere Schwächen, manche sind klein und zart, und ich denke, wenn der sie einmal richtig packt, trägt er sie auf einer Hand raus. Aber auch sie finden ihre Taktik, ihren Weg. Die jungen Mädchen sind beeindruckend. Aus kleinen Piepsstimmen werden im Laufe des Tages kämpfende Amazonen. Ich fühle mich bombig am Ende des ersten Tages. Ich weiß, dass auch meine Tochter fluchen kann wie ein Hafenarbeiter, jetzt noch etwas essen, und dann brauch ich Schlaf.

Am nächsten Morgen fühle ich jeden Muskel einzeln. Ich wusste gar nicht, wo ich überall welche besitze. Doch es bleibt keine Zeit für Wehleidigkeiten, es geht wieder in die Halle. Wir haben nochmal zehn Stunden vor uns. Mark und Mr. Navy Seal wollen uns an die Wäsche.

Am zweiten Tag lernen wir alles über Vergewaltigung. Oh ja, es gibt verdammt viele Wege und viele Positionen. Im Stehen, an der Wand, am Boden, über dem Tisch, im Auto, auf der Couch, auf dem Rücken, auf dem Bauch, von Vorne und von Hinten. Und es gibt immer Überlebensstrategien. Wir machen alles durch. Und wieder lernen wir, zu warten auf den einen Moment. Wann haben wir überhaupt eine Chance, und was ist dann zu tun? Ich bewundere Mark, wie er uns mit einer verbalen Leichtigkeit all den Schmutz vermittelt, die Dinge beim Namen nennt. „Garbage Mouth“ nennen sie es in den USA. In der nächsten Angriffswelle werden sie uns nicht nur körperlich, sondern auch verbal angehen. Versuchen, uns aus der Fassung zu bringen. „Komm her, lass uns ficken, du willst es doch auch.“ Ja, danke für’s Gespräch. Aber ja, es ist besser, wir werden hier das erste Mal so widerlich verbal konfrontiert, als erst auf der Domplatte von Köln. Dann sind wir vorbereitet. Und auch hier funktioniert es dann. Wir sind nicht mehr angewidert, sondern stattdessen aggressiv. „Halts Maul“ will ich schreien und „Fick dich doch selbst“. Ich habe gelernt, dass das keine gute Idee ist, weil es den Täter nur reizt, aber ich entdecke interessante Züge an mir, die ich noch nicht kannte. Don`t mess with me!

Jetzt noch Angriff von Hinten. Wie kriegen wir es hin, dass unsere Luftröhre und die Halsschlagader nicht abgedrückt werden und wir in Ermangelung von Blut und Luft den Heldentod noch vor der Vergewaltigung sterben? Und wie verdammt werde ich den Typen hinter mir los? Mark packt mich am Hals und schleift mich einfach mit. Der Navy Seal nennt mich immer wieder „Mutti“, um mich zu nerven, was funktioniert und allein sein Armumfang an meinem Hals ist eine Herausforderung. Doch ja, es ist möglich Butt-Kick! Turn! Eyes! Und dann voll auf die Eier!

Zum Abschluss am zweiten Abend ist es dann soweit: Grande Finale. Wir werden uns alle einem realistischen Kampf stellen. Full-Power. Allein schon die Vorbesprechung lässt mir das Herz in die Hose rutschen. Gut dass unsere Trainerinnen an unserer Seite bleiben werden. Mark erklärt uns, was sie tun wollen: Uns an unsere Grenze bringen. „Ick will, dat ihr nich uffhört. Voll druff!“, sagt Mathias in seinem herrlichen Ossi-Slang. „Egal was ihr macht, ihr werdet nicht aufhören, bevor ihr die Pfeife hört, sonst steh ich nochmal auf und komm nochmal, bis zum Ende.“ Das ist eine Ansage.

Am ersten Abend war mir im Bett wieder eingefallen, wie es war, als ich damals Snowboardfahren lernte. Diese Angst, oben auf dem Berg zu stehen, und sich volle Kanne und aus Überzeugung den Berg hinunter zu werfen. Drop-In nennen es die Boarder. Du musst heiß drauf sein, dich darauf freuen, dann schaffst du es, ohne sofort die Kontrolle zu verlieren. Auf dem Berg hab ich das schon lange drauf. Verbal inzwischen auch. Mein Metier ist im Normalleben die Debatte. Hier habe ich den Drop-In gelernt. Die Freude an der Auseinandersetzung. Aufregung und Adrenalin vor einer TV-Debatte in Freude umzuwandeln, so dass man richtig Lust darauf hat. Jetzt versuche ich das Ganze im körperlichen Terrain. Nach zwei Tagen Training und dieser enormen Motivation ist es tatsächlich möglich: No Fear. Ich bin so weit, ich gehe da jetzt rein.

Er hat mich an die Grenze gebracht. Jetzt sitzt er auf mir, jede bekommt vorher ein Szenario, das durchgespielt wird. Ja, komm näher, Scheißkerl, noch ein wenig und dann kicke ich ihn über meinen Kopf auf die Matte. Jetzt geht es richtig los. Kick, Kick, Kick. Ich trete aus allen Lagen. Er muss doch irgendwann liegen bleiben. Verdammt! Ich kann nicht mehr. Ich kann wirklich nicht mehr. Kick, weiter. Nochmal. Ja, ich hab ihn am Boden, endlich, er liegt. Als ich mich aufrappel‘ und denke es ist vorbei, kommt er nochmal. Ich kann nicht mehr, ehrlich, aber ich muss. Surrender is not an option! Und doch, da ist immer noch Kraft, Kick, Kick, Kick, immer wieder. Und dann endlich ist es vorbei. Ich kann nicht mehr atmen. Ich brauch mindestens zehn Minuten, um wieder runter zu kommen.

Vor diesem Wochenende habe ich noch nie einen Mann getreten. Einmal ist immer das erste Mal. Beim letzten Abschlusskampf habe ich Mr. Navy Seal quer durch die Halle getreten, bis er von der Matte fiel. Das Biest war aus dem Käfig.

Mehr Informationen finden Sie hier: https://www.facebook.com/modelmugginggewaltabwehr/

Bildquellen

  • Selbstverteidigung_20160516_174240: kellecom

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